Verfasst von: yassin1430 | 28/11/2009

Rostocks Studenten im Ausstand

Bildungsstreik Rostock

Bildungsstreik Rostock

„Studierende aller Fakultäten vereinigt euch“. Mit dieser Anspielung auf die letzten Worte des Kommunistischen Manifests von Marx und Engels begehen Studenten der Rostocker Universität seit Mitte November ihren Bildungsprotest, welcher nach den Worten eines Beteiligten jedoch unpolitisch ist und bleibt.

Voll basisdemokratischen Elans hat die Protestbewegung sich zu einer organisierten und aktionshungrigen Gemeinschaft für die Verbesserung der Bildung und Bedingungen in Rostock und ganz Deutschland entwickelt und adaptierte prompt gängige Möglichkeiten des Widerstands, um Aufmerksamkeit und Zustrom zu erhalten. Am 17. November, dem deutschlandweiten Beginn der Bildungsproteste, besetzten zahlreiche Studentinnen und Studenten das Audimax in der Ulmenstraße und legten damit in der Hansestadt den Grundstein für einen breiteren Protest gegen das Bildungssystem. Während tage- und nächtelanger Diskussionen, wurde ein Forderungskatalog erstellt, welcher mehrere Dutzend Punkte umfasst, die von einer Erhöhung der Bildungsinvestitionen bis zum Stopp der Kommerzialisierung von Forschung und Inhalten reichen. Nach Angaben eines Wortführers entwickelte sich der Protest sehr rasch aus den Kinderschuhen heraus und ist nun ein immer größer werdender Strom an Studenten und vereinzelten solidarischen Personen. Von den Besetzern abgehaltene Plenumsitzungen haben Unmut und Ideen hunderter Nachwuchsakademiker gebündelt und manifestiert. Rund 1700 von ihnen nahmen an den zwei bisher abgehaltenen Sitzungen teil und wurden mit in den Prozess eingegliedert und aufgefordert den Worten Taten folgen zu lassen, um durch Diskussion eine Weiterentwicklung zu fördern.

Die bisher durchgeführten Aktionen, Forderungen und Protestformen finden unter Professoren und Dozenten der Universität allgemeine Anerkennung und werden von jenen unterstützt. Denn [das]„Personal und die Leitung wissen um die Probleme und möchten sie auch am Liebsten irgendwie anders haben“ verlautbaren einige Studenten.

Verschiedene Arbeitsgruppen befassen sich unter Anderem mit den Aufgabenfeldern der „Action“ also der Tatenkraft und Aktionen sowie der Presse, dem Uni-Internen und der Verzweigung mit dem Protest anderer Unis.

An allen Universitäten wird besonders die Verwirtschaftlichung des Studierens kritisiert, da sie auf besonders perfide Art und Weise eine Privatisierung unseres Bildungswesen zur Kostenminimierung darstellt. Als Beispiel merkt ein Rostocker Politologiestudent an, dass Unternehmen Universitäten beauftragen, um in bestimmte Richtungen zu forschen und zahlt dafür Geld. Auf eben dieses Geld sind die Unis jedoch vermehrt angewiesen, da Bund und Länder vermehrt weniger zahlen um „Haushaltsausgleiche“ vorweisen zu können. Die Crux allerdings, Forschungsergebnisse werden meist exklusiv an zahlende Unternehmen und nicht, wie sonst üblich, der Öffentlichkeit vorgelegt. Zudem wird den Studierenden auf diese Weise der Forschungsinhalt oktroyiert und das Studium von der Wirtschaft beeinflusst.

Ein weiterer Punkt ist die Umsetzung des Bolognaprozesses und der Prozess an sich. Da Studenten in Deutschland ihren Bachelorstudiengang bereits nach 3 Jahren abgeschlossen haben, gibt es Nachteile im weiten Rest Europas. In Frankreich zum Beispiel sammeln Hochschüler für vier Jahre ihre Punkte, was das Problem in der Bundesrepublik aufzeigt. Auch hier hatte die Wirtschaftslobby ihre Finger im Spiel. Ein Student erklärte, dass Absolventen dadurch zügiger in die Arbeit gedrängt werden sollten. Jedoch sind Bachelorabgänger zur Zeit kaum in Positionen vertreten, da Firmen Masterabschlüsse präferieren.

Neoliberalismus und Staatsverschuldung opfern mehr und mehr ihrer Bauern um Springer, Läufer, Türme, Damen und Könige eine bessere Spielsituation zu verschaffen. ” [...]Gar nicht zu sprechen von komischen Plänen der neuen Regierung, Bildung wird mehr vom Geld der Eltern abhängig[...]” , so eine Lehramtsstudentin.

Besonders kreativ zeigen sich die Rostocker Studenten bei der Wahl ihres Protests. Vergangene Woche zogen bis zu 150 Teilnehmer eines Flashmobs mit Straßenbahnen durch Rostock und hielten dort symbolische Vorlesungen ab, um der Bevölkerung die Überfüllung der Säle und Räume aufzuzeigen, spontan wurde das Rathaus am Neuen Markt als Hörsaal beschlagnahmt und auch dort eine Vorlesung gehalten. Außerdem wurde die Bildung bei einem Marsch durch die Innenstadt symbolisch zu Grabe getragen. Der Trauermarsch war in schwarz gehüllt und schweigsam. Nahezu alle Fakultäten wurden mit bemalten Plakaten und Bettlaken behangen, um vorallem auch die Öffentlichkeit für die Proteste zu sensibilisieren oder gar eine solidarische Partizipation zu offerieren.

Die Sprecher des Protests weisen wieder und wieder daraufhin, dass die Bewegung voller  potenzial steckt. In der Tat wird das Audimax noch mindestens bis zum 10.Dezember besetzt sein, womöglich gar länger. An jenem Tag wird eine Demonstration in der Rostocker Innenstadt mit noch größerem Ausmaß auf die prekäre Situation aufmerksam machen. “[...]Denn Bildung geht uns Alle an.”


Yassin

20.November Anno 2009                    10.Dhul Hidscha 1429 (Id Mubarak!)


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